Es war einer dieser Tage …
… an denen man aufgrund einer unbändigen Vorfreude fast platzt, weil man sich so sehr auf ein bevorstehendes Event freut, dass man es kaum noch abwarten kann.
Wir haben geplant, in dieser Woche gemeinsam die EUROBIKE in Friedrichshafen zu besuchen. Wir, damit meine ich meine Kumpels Andy und Josh, sowie meine Wenigkeit.
Die EUROBIKE stellt bundesweit die größte Messe rund um unseren geliebten Mountainbikesport dar und wartet jedes Jahr mit innovativen Produkten, reichlich neuem Zubehör und natürlich den brandheißen neuen Bikes sämtlicher namhafter Hersteller auf. Der Besuch der EUROBIKE steht bei uns wie in Marmor gemeißelt jedes Jahr im Kalender und gilt für uns als absoluter Pflichttermin. Beim Gedanken an einen Proberitt auf einem ganz neuen All-Mountain Plus oder einem mit massiven Federwegen ausgestatteten Freerider, bekomme ich einen erhöhten Puls während sich Wasser in meinen Mundwinkeln sammelt.
Es ist 20.00Uhr und ich sitze gerade bei einer Tasse heißem Kaffee gemütlich am Laptop, um die Flüge für mich und meine Kumpels zu buchen, sowie den Vorverkauf der Messeeintrittskarten zu organisieren. Der Flug geht früh morgens hin und am gleichen Tage spät abends wieder zurück. Alles ist klar, der Urlaub für diesen Tag eingereicht und genehmigt. Dem Messebesuch steht somit nichts mehr im Wege.
Unerwartet klingelt plötzlich mein Firmenhandy und mein Chef keucht mit hechelnder, aufgeregter Stimme etwas von einem sehr wichtigen und nicht verschiebbaren Geschäftstermin in Konstanz am Bodensee durch die Leitung. Das Problem ist, dass dieser ach so wichtige Termin genau auf den Messetag der EUROBIKE fällt. Ein blitzartiges Sortieren meiner Gedanken war notwendig und ich muss ultraschnell abwägen, ob nun der Besuch der EUROBIKE mit meinen Kumpels oder die Wahrnehmung dieses wichtigen Geschäftstermins eine höhere Gewichtigkeit hat. Zwangsweise habe ich mich dann für die Wahrnehmung des Geschäftstermins entschieden, da sich ja, wie so oft, das private Glück hinter dem geschäftlichen anstellen muss!
Kaum den Hörer aufgelegt, wandert das Wasser, welches sich noch vor wenigen Minuten aufgrund der Vorfreude auf die bevorstehende Bikemesse in meinen Mundwinkeln angesammelt hatte, augenblicklich in meine Augenwinkel. Mir war zum Heulen zu Mute, beim Gedanken daran, die langersehnte EUROBIKE dieses Jahr nicht besuchen zu können. Vor allem graust es mir vor dem Gespräch mit meinen Kumpels, die wahrscheinlich mehr als nur enttäuscht sein werden.
Da ich ja sowieso gerade bei der Flugbuchung war, habe ich kurzum meine Geschäftsreise organisiert, um gleich im Anschluss mit meinen Kumpels zu sprechen. Diese waren erwartungsgemäß zwar nicht gerade erbaut von der Nachricht, ermutigen mich aber beide zur Wahrnehmung des Geschäftstermins. Schließlich stelle dies ja die monetäre Versorgung unseres Hobbys dar. Wahrscheinlich wollen sie es mir einfach nur etwas erträglicher machen!?
Der Zuspruch meiner Kumpels hat mir die Organisation meiner Geschäftsreise ein wenig leichter gemacht. Das Paradoxe hierbei ist, dass ich um nach Konstanz zu kommen, auch nach Friedrichshafen fliegen muss, da Friedrichshafen der nächste Flughafen in der Nähe von Konstanz ist.
Ein Manko der Anreise nach Konstanz mit dem Flugzeug ist, dass man um ans Ziel zu kommen, noch mit einem Zug und einem Schiff fahren muss. Nach der Landung setzt sich die Reise mittels eines Zuges vom Flughafen Friedrichshafen zum Hafen Friedrichshafen fort. Dann mit dem Zug am Friedrichshafener Hafen angekommen, steigt man um auf einen Katamaran, der quer über den Bodensee nach Konstanz fährt. Das alles ist eigentlich ganz schön, vor allem wenn das Wetter mitspielt. Da man das ganze Reiseprozedere aber auch für die Rückreise einplanen muss, also wieder die Katamaranfahrt von Konstanz nach Friedrichshafen, Bahnfahrt vom Hafen Friedrichshafen zum Flughafen Friedrichshafen und der entsprechende Rückflug, bangt man doch den ganzen Tag über, dass bei keiner dieser Stationen irgendetwas außerplanmäßiges vorfällt. Ein solcher außerplanmäßiger Vorfall könnte als „worst-case“ dass Verpassen des Rückfluges bedeuten. Das alles macht einen irgendwie ein wenig unentspannt.
Na ja, nachdem ich alles Notwendige organisiert habe, stehe ich morgens, 06.00Uhr am Flughafen um nach Friedrichshafen zu fliegen.
Das der Messebesuch per Flieger auch von anderen Bikern genutzt wird, zeigen sich mir einige lässig, mit Freizeitklamotten diverser Bikehersteller bekleideter Jungs im Flieger, die sich teils lautstark über diverse Fachthemen rund ums Mountainbike unterhalten. Deren Vorfreude auf die EUROBIKE lässt sich nicht verbergen. Warum auch, wir hätten es wahrscheinlich genauso gemacht. Blitzartig steigt in mir eine fieberartige Welle auf, weil ich die EUROBIKE dieses Jahr nicht besuchen kann.
Voller Konzentration auf den bevorstehenden Geschäftstermin, versuche ich die Jungs nicht zu beachten, was mir glücklicher Weise ganz gut gelingt. Am Friedrichshafener Flughafen weisen viele Hinweisschilder auf die EOROBIKE hin, was mich nochmals kurz ins Schwitzen bringt, da hier zu allem Überfluss auch noch herrlichstes Kaiserwetter ist. Ohne weiter an die verpasste Messe zu denken, ziehe ich die weitere Anreise mit Bahn und Katamaran, sowie den Geschäftstermin und die spätere Rückreise bis zum Friedrichshafener Flughafen durch. Der Geschäftstermin ist erfolgreich verlaufen und so habe ich neben dem schlechten Gewissen meiner Kumpels gegenüber, welche die Messe wegen mir nun verpassen, wenigstens ein einiger Maßen ausgeglichenes Seelenleben.
Ich sitze nun am Flughafen, warte auf meine Maschine und gerade rede ich mir ein, dass es ja auch nächstes Jahr noch eine EUROBIKE gibt, als ich neben mir das Gespräch eines Piloten mit drei Flugbegleiterinnen mithöre. Der Pilot teilte sehr aufgeregt mit, dass wetterbedingt am Flughafen in Neukirchen nur zeitweise einzelne Slots zur Landung aufgemacht werden. Weiter teilte er mit, dass es sich hierbei um eine Art Lotterie für die Flugzeuge in der Luft handelt, für wen nun ein Slot aufgemacht wird und für wen nicht. Es entsteht schon jetzt eine Verzögerung von einer 1 Std. nach Neukirchen. Die Zuteilung einzelner Slots kann also zu einer Ausdehnung der Verzögerungen führen oder wenn man Glück hat diese verkürzen, in dem schneller als erwartet ein Slot zugeteilt wird.
Wieder steigt in mir eine fieberartige Welle auf, denn Neukirchen liegt direkt neben Holzhausen, wo ich zu Hause bin. Wenn also in Neukirchen Unwetter ist, kann es ja nicht mehr lange dauern, bis auch in Holzhausen damit zu rechnen ist. Den Gedanken kaum ausgedacht, höre ich eine Durchsage der Flughafensprecherin, welche mitteilt, dass nun auch mein Flug aufgrund der Schlechtwetterfront ca. 1 Std. Verspätung hat. Toll, denke ich mir. Jetzt kannst Du nicht auf die EUROBIKE und wegen des verzögerten Rückfluges, kann ich meinen geplanten Feierabendritt auf dem Bike auch vergessen. Besser kann ein Tag ja nicht laufen! Meine Stimmung wechselte im Sekundentakt von Mies -> in mieser geht’s nicht mehr!
Um die Wartezeit möglichst sinnvoll zu überbrücken, habe ich mir die neue MountainBike gekauft und blättere genüsslich vor mich hin. Dann, mit ca. 50 Minuten Verspätung, ist endlich Boarding und nachdem alle Fluggäste eingestiegen sind, hebt die Maschine ab in Richtung Heimat. Als ich das Fahrwerk beim Einziehen beobachte, fühle ich mich irgendwie erleichtert, denn es hätte ja auch noch viel schlimmer kommen können – ungeahnt dessen, was mich heute noch erwarten würde!
Die Flugzeit beträgt eine gute Stunde und während ich die Landschaft aus dem Fenster heraus beobachte, ertönt die Durchsage des Kapitäns, dass wir uns im Sinkflug befinden, uns anschnallen und die Sitze in eine aufrechte Position bringen sollen. Vom breit diskutierten Unwetter zum Glück bisher keine Spur. Einige bekannte Straßen und Autobahnen kann ich bereits von oben erkennen. Die kleinen lustig erscheinenden Häuser, Felder und Berge animieren mich dazu mir neue, heimatnahe Strecken vorzustellen, die ich mit meinem Bike erkunden könnte. In diese Gedanken vertieft stelle ich mir gerade vor, auf einem griffigen Singletrail einen Berg hinab ins Tal zu stürzen, als plötzlich das Flugzeug einen enormen Satz nach unten macht. Handgepäck fliegt durch die Kabine und mehrere Frauen kreischen ganz fürchterlich, als sich die Maschine wieder fängt. Es scheint ein Luftloch gewesen zu sein. Das Absacken kam mir extrem vor. Einen Tick mehr und es wären vermutlich die Atemmasken aus der Flugzeugdecke gefallen.
Als sich alles beruhigt hat schaue ich aus dem Fenster. Nicht mehr allzu weit entfernt, kann man nun die Schlechtwetterfront erkennen, die für die Verspätung und vermutlich auch für dieses Luftlochholpern verantwortlich war. Ich schaue auf die unter mir vorbeirauschenden Hausdächer, Sportplätze und Bäume und merke, wie die Häuser irgendwie wieder kleiner zu werden scheinen. Auch mein Bauchgefühl und das Geräusch der Motoren signalisiert mir, dass der Flieger wieder zu steigen schien. Ich dachte gerade, dass der Flieger die Schlechtwetterfront vielleicht umfliegen muss und deshalb einen anderen Kurs einschlägt, als die Durchsage des Kapitäns erklingt. „Sehr geehrte Fluggäste, aufgrund einer undurchdringlichen Schlechtwetterfront, die wir versucht haben zu passieren, uns aber leider nicht gelungen ist, haben wir uns aus Sicherheitsgründen dazu entschieden, zurück nach Friedrichshafen zu fliegen“. „Alle benachbarten Flughäfen sind wegen des Unwetters gesperrt, so dass wir keine andere Möglichkeit haben“. „Entschuldigen Sie bitte diese Unannehmlichkeiten“.
Die Fluggäste, die zu 90% aus Geschäftsleuten bestanden, sind sichtlich aufgeregt. Da es sich um den letzten Flieger an diesem Tag handelt und die Schlechtwetterfront noch immer existent ist, müssen wohl alle Passagiere in Friedrichshafen übernachten. Die Flugbegleitung erklärt uns mit ruhiger Stimme, dass alle Fluggäste von einem Bus abgeholt, in ein Hotel gebracht und für den morgigen Rückflug wieder von dem Bus zum Flughafen gebracht werden. Weiter fügt sie an, dass der Rückflug am morgigen Tag morgens um 06.00Uhr geht und sie das alles sehr bedauert.
Mittlerweile bin ich schon 14 Std. unterwegs, aufgrund dieser Tagesentwicklung aber kein bisschen Müde. Es ist Hochsommer und mein Anzug vom Tag durchgeschwitzt. Der Gedanke nun in diesen Klamotten noch irgendwie die Nacht durchzustehen, um morgen früh immer noch in den gleichen Klamotten zurück zu fliegen, ermunterte mich irgendwie nicht.
Am Flughafen Friedrichshafen angekommen, hat uns ein freundlicher Mitarbeiter der Fluggesellschaft mitgeteilt, dass der Bus draußen steht und uns in das Hotel bringt.
Nachdem wir alle eingestiegen sind, dauert es nochmals ca. 30 Minuten, bis der Mitarbeiter der Fluggesellschaft nochmals zu uns in den Bus kommt und mitteilt, dass aufgrund von Messen und dem Ferienbeginn alle Hotels in Friedrichshafen ausgebucht sind. Wir müssen in die benachbarte, schweizerische Stadt Bregenz ausweichen. Na klasse, denke ich mir. Irgendwie ist kein Ende dieses Dilemmas in Sicht.
Nachdem wir dann gut 40 Minuten mit dem Bus von Friedrichshafen nach Bregenz gefahren und um 00.45Uhr am Hotel angekommen sind, haben wir mit der Rezeption einen Sammelweckruf um 03.45Uhr vereinbart. Dies war notwendig, weil uns der Bus pünktlich um 04.15Uhr wieder abholt und nicht warten kann. Sprich wer nicht rechtzeitig da ist, muss schauen wie er zum Flughafen kommt.
Meine Gefühlswelt rauschte wie ein JoJo hoch und runter. Immer wenn man gerade gedacht hat, jetzt ist alles klar, kam wieder eine Hürde. Alles wie in einem schlechten Film habe ich gedacht und ertappe mich dabei Räume und Winkel auf Kameras zu checken, denn vielleicht war ich ja bei „Versteckte Kamera“. Ein bisschen Selbstironie muss sein, um mich selber zu beruhigen.
Nachdem ich dann nach einer ziemlich kurzen Nacht und einer unendlich lang erscheinenden Busfahrt am nächsten Morgen pünktlich am Flughafen Friedrichshafen angekommen bin, habe ich eingecheckt und warte wieder aufs Boarding. Jetzt kann eigentlich nichts mehr schief gehen denke ich erneut, als wieder eine Durchsage der Flughafensprecherin ertönt. „Sehr geehrte Fluggäste, der Flug nach Holzhausen wird über Neukirchen umgeleitet, so dass sich die gesamte Flugzeit voraussichtlich um ca. 25 Minuten verlängert“. Wieder wird mir heiß und kalt und ich erkundige mich beim Flugschalter was jetzt schon wieder los ist. Neben unserer Maschine, musste wohl am gestrigen Tage wegen des Unwetters eine weitere Maschine mit 9 Fluggästen die nach Neukirchen wollte, umdrehen. Diese Passagiere müssen auf dem heutigen Flug mitgenommen und abgesetzt werden, weshalb mein Flug nach Holzhausen über Neukirchen umgeleitet wird.
Der Alptraum scheint nicht aufzuhören und wieder merke ich, wie der Grad meiner inneren Unruhe ansteigt. Doch ehe ich mich in diese Gedanken hineinsteigern kann, ist Boarding. Wir steigen in die Maschine, heben ab und ich erblicke wieder eine Welt, wie gemalt. Herrlicher Sonnenschein und weiße Wolkenfetzen zieren den azurblauen Himmel. Wieder denke ich, dass jetzt doch eigentlich nichts mehr schief gehen kann?!
Der Flug verläuft reibungslos und wie geplant landet die Maschine als Zwischenstopp in Neukirchen, um die anderen Fluggäste heraus zu lassen. Ganz kurz denke ich darüber nach, die Maschine hier zu verlassen und somit den Alptraum endlich zu beenden. Von Neukirchen nach Holzhausen sind es gerade einmal 25Km und irgendwie komme ich schon nach Hause. Lieber hier aussteigen, bevor die Maschine wieder abhebt und aus irgendwelchen, nicht vorhersehbaren Gründen, zurück nach Friedrichshafen fliegt.
Da das Wetter aber 1a ist und auf der kurzen Flugdauer von Neukirchen nach Holzhausen mit keinen Zwischenfällen zu rechnen ist, habe ich mich zum Weiterflug entschieden.
Wir haben Rückenwind und die Maschine landet nach 9 minütiger Flugzeit endlich in Holzhausen. Ich steige aus, bin erleichtert und mache gedanklich drei Kreuze.
Schon lange war ich nicht mehr so froh, alles Gewohnte wieder zu sehen. Meine Süße, meinen Hund, mein Haus, mein Garten, mein Bike und ja, selbst die Wohnzimmerlampe, einfach alles! Zu Hause angekommen, erzähle ich meinem Chef von dieser Odyssee und lege mich nach einer ausgedehnten Duschsession erst mal ins Bett.
Abgesehen von den knapp 3 Std. Aufenthalt in dem Hotel in Bregenz, wo richtiges Schlafen jedenfalls für mich nicht möglich war, bin ich bis jetzt 27 Std. auf den Beinen und so kaputt, wie der Kauknochen meines Hundes „Rex“.
Am frühen Abend dann, schildere ich diese Survival-Story meinen Kumpels, die auf einmal gar nicht mehr so enttäuscht wirken, dass unser geplanter Besuch der EUROBIKE dieses Jahr nicht stattgefunden hat. Irgendwie war dieses Thema ganz schnell abgehakt. Wahrscheinlich wollen sie Rücksicht nehmen und das Thema nicht weiter vertiefen.
Zur Schadensbegrenzung haben wir uns kurze Zeit später getroffen, um gemeinsam über unsere Haustrails zu surfen und während ich gemeinsam mit meinen Kumpels durch den Wald rausche, durchströmt mich wieder eine Gefühlswelle. Diesmal aber eine Welle voller Freude und Dankbarkeit jetzt und hier mit meinen Freunden in der wunderschönen Natur über Felder, Wiesen und durch Wälder über Berge zu Biken. Denn es hätte alles auch ganz anders kommen können!
That´s Bike-Life, denn nichts ist so wie es scheint … Um zu merken wie gut es einem geht, bedarf es manchmal ganz außergewöhnlicher Erfahrungen!
Ride On!

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Tags: Bike, Biken, EUROBIKE, Gefühlswelt, Mountainbike, MTB | Keine Kommentare »